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Beschwerde-Chor

InformierenVerstehen & Perspektiven sammelnAnalog1 - 3 Stunden1 Tagdirekte Betroffeneinteressierte Öffentlichkeitschwer erreichbare Gruppenorganisierte Akteur:innenkleine Gruppe bis 15mittlere Gruppe bis 30SpielerischKreativ

Bei de Beschwerde-Chor sammeln Menschen Beschwerden, Ärgernisse und Frustrationen aus ihrem Alltag. Diese werden gemeinsam zu einem Liedtext verarbeitet und anschließend von einem Chor öffentlich aufgeführt. Die Methode verfolgt nicht das Ziel, Beschwerden direkt zu lösen. Vielmehr werden persönliche Erfahrungen sichtbar gemacht, Gemeinsamkeiten entdeckt und gesellschaftliche Themen auf kreative und humorvolle Weise öffentlich diskutiert. Durch die künstlerische Umsetzung entsteht ein niedrigschwelliger Zugang zu Themen, die in klassischen Beteiligungsformaten oft schwer anzusprechen sind.

Ziel

Der Beschwerde-Chor macht alltägliche Erfahrungen, Probleme und Frustrationen sichtbar und schafft einen gemeinsamen Raum für Austausch und Reflexion. Durch die kreative Umwandlung von Beschwerden in ein Musikstück werden individuelle Erfahrungen zu einem kollektiven Ausdruck, der Aufmerksamkeit erzeugt und Diskussionen anregen kann.

Wann sinnvoll?

  • Stimmungen, Sorgen oder Frustrationen sichtbar gemacht werden sollen.
  • Menschen aktiviert werden sollen, die sich selten an klassischen Beteiligungsformaten beteiligen.
  • ein kreativer Zugang zu einem Thema gesucht wird.
  • Gemeinschaft und Austausch gefördert werden sollen.
  • Erfahrungen aus dem Alltag gesammelt werden sollen.
  • Aufmerksamkeit für ein Thema erzeugt werden soll.

Wann nicht sinnvoll?

  • Zur gemeinsamen Entwicklung konkreter Maßnahmen oder Lösungen.
  • Bei Vorhaben, die detaillierte Fachinformationen oder fachliche Expertise erfordern.
  • Zum ausschließlichen Sammeln sachlicher oder standardisierter Rückmeldungen.
  • Bei Zielgruppen oder Projekten ohne Interesse an kreativen oder künstlerischen Beteiligungsformaten.

Ablauf

Zu Beginn wird festgelegt, ob Beschwerden allgemein gesammelt oder auf ein bestimmtes Thema fokussiert werden sollen.

Beispiele:

  • Mobilität
  • öffentlicher Raum
  • Wohnen, Nachbarschaft
  • Schule
  • Verwaltung
  • Klimaanpassung

Ein offener Ansatz führt häufig zu einer größeren Themenvielfalt.

Der Beschwerde-Chor lebt von unterschiedlichen Perspektiven. Daher sollte die Einladung möglichst breit gestreut werden.

Besonders geeignet sind:

  • Nachbarschaften
  • Jugendgruppen
  • Vereine
  • Senior:innengruppen
  • lokale Initiativen
  • interessierte Einzelpersonen

Musikalische Vorkenntnisse sind nicht erforderlich.

Für die Sammlung und Bearbeitung der Beschwerden wird ein Raum benötigt, in dem gemeinsames Arbeiten in der Gruppe möglich ist.

Zusätzlich sollte ausreichend Zeit eingeplant werden für:

  • Ideensammlung
  • Textentwicklung
  • Proben
  • Aufführung

Zu Beginn werden Beschwerden und Ärgernisse gesammelt.

Mögliche Leitfragen:

  • Was ärgert im Alltag?
  • Was funktioniert im Quartier nicht gut?
  • Wo entstehen immer wieder Probleme?
  • Was sollte sich dringend verändern?

Alle Beiträge werden sichtbar dokumentiert, beispielsweise auf Moderationskarten oder Pinnwänden.

Wichtig ist, dass zunächst nicht diskutiert oder bewertet wird.

Anschließend werden ähnliche Aussagen zusammengeführt.

Oft zeigen sich dabei wiederkehrende Themen oder gemeinsame Erfahrungen.

Die Gruppe entscheidet gemeinsam, welche Beschwerden in den Chor aufgenommen werden sollen.

Aus den gesammelten Aussagen wird ein gemeinsamer Text entwickelt.

Dabei können Originalzitate verwendet oder sprachlich angepasst werden.

Ziel ist kein perfekter Songtext, sondern ein wiedererkennbarer Ausdruck der Erfahrungen der Gruppe.

Humor, Übertreibung und Ironie sind ausdrücklich möglich.

Die Beschwerden werden nun in ein Lied übertragen.

Dies kann mit Unterstützung von Musiker:innen erfolgen, ist aber nicht zwingend notwendig.

Die Gruppe probt gemeinsam:

  • Rhythmus
  • Melodie
  • Ablauf
  • Präsentation

Den Höhepunkt bildet die öffentliche Aufführung des Beschwerdechors.

Geeignete Orte sind beispielsweise:

  • öffentliche Plätze
  • Stadtteilfeste
  • Kulturveranstaltungen
  • Beteiligungsveranstaltungen
  • öffentliche Einrichtungen

Die Aufführung macht die gesammelten Themen sichtbar und kann Gespräche mit Besucher:innen anregen.

Nach der Aufführung sollte Raum für Gespräche geschaffen werden.

Dabei können Fragen diskutiert werden wie:

  • Welche Themen haben besonders viele Menschen bewegt?
  • Welche Gemeinsamkeiten wurden sichtbar?
  • Welche Themen sollten weiterverfolgt werden?

Die gesammelten Beschwerden, der Liedtext und die wichtigsten Diskussionen werden dokumentiert.

Mögliche Formen:

  • Fotodokumentation
  • Videoaufzeichnung
  • Broschüre
  • Website
  • Ausstellung

Die Beschwerden werden anschließend analysiert.

Dabei können wiederkehrende Muster, häufig genannte Probleme oder zentrale Anliegen identifiziert werden.

Die Ergebnisse können an relevante Akteur:innen weitergegeben werden, beispielsweise:

  • Verwaltung
  • Politik
  • Quartiersmanagement
  • Projektteams

Dadurch wird sichergestellt, dass die sichtbar gewordenen Themen nicht nur gehört, sondern auch in weitere Prozesse einfließen können.

Dem Chor Updates geben zum aktuellen Bearbeitungsstand ihrer Beschwerde. Durch transparente Kommunikation fühlen sich die Teilnehmenden ernst genommen und gehört. Das schafft Vertrauen und Bereitschaft bei zukünftigen Projekten mitzuarbeiten.

Quelle: Bujdosó, A. (Hrsg.) (2019): Social Design Cookbook. Recipes for Social Cooperation. Kitchen Budapest, Budapest. 

Hinweise

Tipps

  • Die Sammlung der Beschwerden sollte wertungsfrei erfolgen.
  • Humor kann helfen, schwierige Themen anzusprechen.
  • Musikalische Qualität steht nicht im Vordergrund.
  • Die Methode lebt von Vielfalt und unterschiedlichen Perspektiven.
  • Eine öffentliche Aufführung erhöht die Sichtbarkeit der Ergebnisse.
  • Die Teilnehmenden sollten frühzeitig darüber informiert werden, wie die Ergebnisse weiterverwendet werden.
  • Die Aufführung sollte nicht als Beschwerdeveranstaltung, sondern als kreativer Ausdruck gemeinsamer Erfahrungen verstanden werden.

Ungeeignet für

  • Vorhaben, bei denen konkrete Entscheidungen oder Maßnahmen erarbeitet werden sollen.
  • Situationen mit starken persönlichen Konflikten zwischen den Beteiligten.
  • Themen, die vertraulich oder sensibel behandelt werden müssen.
  • Beteiligungsprozesse, bei denen eine repräsentative Beteiligung erforderlich ist.
  • Gruppen ohne Bereitschaft für kreative oder performative Beteiligungsformate.

Im Anschluss

Im Anschluss bieten sich Methoden an, die die gesammelten Inhalte ordnen, vertiefen oder in konkrete Schritte überführen. Je nach Ziel können z.B. folgende Formate anschließen:

World-Café

Das World-Café ist ein Beteiligungsformat, das den offenen Austausch von Wissen, Erfahrungen und Ideen ermöglicht. Die Teilnehmenden diskutieren dabei in kleinen Gruppen an mehreren Tischen zu vorbereiteten Fragen. Durch regelmäßige Tischwechsel entstehen neue Gesprächskonstellationen, wodurch Gedanken weiterentwickelt, Perspektiven verbunden und gemeinsame Ideen sichtbar werden. Die Atmosphäre orientiert sich bewusst an einem Café: offen, informell und einladend. Dadurch eignet sich die Methode besonders gut, um viele Menschen niedrigschwellig in einen Dialog einzubeziehen und gemeinsames Nachdenken anzuregen. Ein World-Café kann eigenständig stattfinden oder Teil einer größeren Veranstaltung sein.

StrukturiertAktivierend

Aktivierende Befragung

Die aktivierende Befragung ist eine offene Methode, bei der Bürgerinnen und Bürger zu ihren Meinungen und Einstellungen befragt werden. Gleichzeitig werden sie dazu angeregt, sich aktiv einzubringen und an der Entwicklung von Lösungen in ihrem Wohnumfeld mitzuwirken.

StrukturiertAktivierend

Planungswerkstatt

Die Planungswerkstatt ist ein Beteiligungsformat, bei dem Bürger:innen gemeinsam mit Fachpersonen, Verwaltung oder Politik an konkreten Planungen arbeiten. In Workshops werden Ideen, Probleme und Vorschläge gesammelt, diskutiert und direkt auf Karten, Plänen oder Modellen sichtbar gemacht. Die Methode eignet sich besonders für Stadtentwicklungs- oder Gestaltungsprozesse, bei denen Menschen ihre Erfahrungen und Vorstellungen aktiv in die Planung einbringen sollen.

AktivierendKreativ
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